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Die zahllosen streunenden Hunde stellen in Griechenland zweifellos ein Problem dar. In der geplagten Bevölkerung sucht man seiner immer wieder Herr zu werden, indem man zu Gift greift; eine grausame Maßnahme, die von Tierschützern im In- und Ausland vehement kritisiert wird. Das Thema ist daher heikel, die Stimmung gereizt. Das folgende Interview aus der Zeit der Olympischen Spiele in Griechenland beleuchtet das Problem von mehreren Seiten. Es wurde uns zur Verfügung gestellt vom Tierschutzverein Arche Noah Kreta.
Interview mit einem griechischen Tierarzt
Nikolas hat seine Praxis in Athen. Mitten im Olympia-Brennpunkt kümmert er sich nicht nur um die Privattiere seiner Kunden, sondern hat auch ein sehr großes Herz für die Streuner in Griechenland. Zusammen mit einem Kollegen hilft er mehreren Tierschutzorganisationen bei der Behandlung und Kastrationen von Streunertieren. Ein Tierarzt, der gleichzeitig Tierschützer ist und sich dann auch noch um die ungeliebten Streuner kümmert, lebt gefährlich in diesen Tagen. Der Name wurde daher für dieses Interview geändert.
Wie viele Tiere sind im Vorfeld der olympischen Spiele jetzt schon einen Gifttod gestorben?
Darauf habe ich keine Antwort. Ich weiß es nicht und ich glaube auch nicht, daß es jemand weiß. Von offizieller Seite wird der Einsatz von Gift zur Lösung des Streunerproblems ja bestritten, daher sollte man mit Zahlen auch vorsichtig sein.
Die Tierschützer berichten aber regelmäßig von ganzen Streunerhunde-Rudeln, die von heute auf morgen verschwinden.
Ja, das können wir auch bestätigen, nur haben wir keine Beweise dafür, daß diese Tiere vergiftet wurden, und ihre Körper sind auch verschwunden. Die Vergiftungen finden wahrscheinlich nachts statt, aber das ist ja nicht nur in Athen so. Überall im Land wird so vorgegangen. Das Gift wird am späten Abend ausgelegt, und die Leichen werden morgens in der Dämmerung eingesammelt. Wir denken, daß es auch hier in Athen so abläuft. Dieses Vorgehen berichten übrigens viele meiner Landsleute und Kollegen aus ganz Griechenland.
Man muß wissen, daß man in Griechenland schon lange versucht, das Streunerproblem so zu lösen. Es gibt hier einfach keinen funktionierenden, flächendeckenden Tierschutz, nicht einmal im Ansatz. Also nehmen die Leute die Sache selber in die Hand.
Eine positive Ausnahme in Athen wird leider viel zu wenig von euch erwähnt: Die Bürgermeisterin von Athen, Dora Bakoyannis, hat im Rahmen des 10 Punkte-Plans ein Programm für streunende Tiere gestartet. Es wurde eine Klinik eingerichtet, in der Streuner kastriert, markiert und dann wieder ausgesetzt werden. Auch ein Adoptionsprogramm soll es geben. Nicht alle Streuner, die von den Straßen verschwunden sind, sind also vergiftet worden. Allerdings sind die meisten der aktiven Tierschützer hier weder in das Programm involviert noch darüber informiert worden.
Ja, das wissen wir, und wir haben versucht, einen Termin zur Besichtigung der offiziellen Tierschutzeinrichtungen zu bekommen, um dann auch darüber zu berichten. Wir wurden aber mit der Begründung, daß der zuständige Tierarzt nicht anwesend sei, abgewiesen. Weitere Infos oder Zahlen haben wir aber auf Anfrage auch nicht erhalten. Sicher ist das ein gutes Einzelbeispiel, aber die Region um Athen hat über 40 Bezirke mit jeweils eigenen Bürgermeistern, die das aber sicher nicht alle so handhaben...
Genauso ist es. Die meisten haben auch gar keine finanziellen Mittel, um solche Kampagnen zu starten, und so geht man dort das Problem der Streuner auf "bewährte" und gewohnte Weise an. Die Kampagne der Bürgermeisterin ist auch nur ein Tropfen, und es hat einen sehr bitteren Nachgeschmack, daß diese Kampagne eines einzelnen Bezirkes (Athen Mitte = Olympiastadion!) jetzt in offiziellen PR-Mitteilungen so verkauft wird, daß das Streunerproblem zu den olympischen Spielen damit gelöst sei. Jetzt war gerade ein deutsches TV-Team hier und hat wohl einen Beitrag über die Kampagne der Bürgermeisterin für das deutsche TV gedreht. Da bin ich gespannt, ob sie auch was über die anderen Bezirke und die Situation dort bringen! Du hast die Zustände ja selber gesehen, und die über 100 Tierschutzgruppen im Raum Athen berichten jeden Tag von neuen Vergiftungen.
Für die hiesigen Tierschützer ist diese Art der PR ein Schlag ins Gesicht. Und anstelle die vielen sehr gut arbeitenden Tierschützer im Raum Athen als Kooperationspartner ins Boot zu holen, werden sie bekämpft. Als wir nach den Vorfällen am Flughafen am 11. März und der anschließenden Schlammschlacht gegen die Tierschützer davon gesprochen haben, daß hinter der Auslandstierschutz-Rufmordkampagne irgendein System mit Bezug zur offiziellen Olympia-Tierschutz-Kampagne steckt, hat man uns Verfolgungswahn vorgeworfen. Aber jetzt schau mal auf die offizelle Athen 2004-Webseite zum Thema, und du wirst dort bei den Kooperationspartnern in Sachen Streunerprogramm einen Namen finden, den ihr alle gut kennen werdet: Ioanna Karagouni...
Noch mal zu der eigentliche Frage: Es sind also Privatleute, die für die Vergiftungsaktionen verantwortlich sind?
Nein, so kannst du es nicht sagen. Die Privatleute führen die Vergiftungsaktionen durch, weil sie einfach keine andere Wahl haben. Kein offizielles Organ in Griechenland würde jemals zugeben, die Anweisung dazu gegeben zu haben, da Vergiftungen ja auch nach griechischem Gesetz verboten sind. Verantwortlich sind trotzdem die Behörden, die in Sachen Streunerproblem und Tierschutz einfach komplett versagen. Du mußt verstehen, daß sich die Behörden einfach nicht um das Streunerproblem kümmern und die Leute sich dann alleine gelassen fühlen und zum Gift greifen. Viele Menschen hier machen sich mehr Gedanken über das Müllproblem als über die Streuner, und viele Griechen verstehen jetzt auch die ganze Aufregung nicht.
Also muß man jetzt auch noch Verständnis für die Vergiftungsaktionen haben?
Sicher nicht! Schau: Du wohnst mit deiner Familie irgendwo auf dem Dorf. Jeden Tag gehen deine Kinder zur Schule. Heute laufen zwei Hunde auf dem Weg zur Schule herum. In ein paar Wochen sind es fünf Hunde; es bilden sich Rudel auf der Suche nach Nahrung. Eine Hündin aus der Gruppe wird läufig. Die Hunde werden aufdringlicher, knurren und bellen die Kinder an. Auf einmal sind es acht Hunde oder mehr - auch große dabei. Die Kinder und Erwachsenen bekommen Angst vor den Hunden, und das kann man doch verstehen. Die Leute rufen bei der Polizei an. Ergebnis: null Reaktion; was sollen die auch tun? Tierheime gibt es ja kaum. Auch die anderen offiziellen Stellen reagieren in der Regel nicht. Also bleibt den Leuten nichts anderes, als die Sache selber in die Hand zu nehmen, und sie wählen die billigste Lösung.
Wir glauben mittlerweile auch, daß es mehr oder weniger offizielle Anweisungen aus den Rathäusern gibt, z. B. zu Saison-Beginn die Strände, Straßen und Hotelanlagen von den Massen an Katzen und Hunden zu säubern. Das berichten uns einheimische Tierschützer und Touristen, die sich auskennen, z. B. aus Kreta und anderen touristisch sehr stark frequentierten Regionen. Aber auch dort, wo kein Tourismus ist, stören die Streuner. Ich kann dir Beispiele genug nennen, die meine Landsleute jeden Tag schildern: Griechenland hat ein gigantisches Müllproblem. Gerade hier im Großraum Athen. Abends stellen die Leute ihren Müll vor die überfüllten Container, und morgens liegt der Müll verstreut in den Straßen, weil die immer hungrigen Streuner nach Nahrung gesucht haben. Oder nimm die vielen Bauern und Hirten, die einfach Angst davor haben, daß die Streuner ihre Nutztiere reißen. Für viele Menschen in Griechenland sind die Streuner einfach eine Plage wie anderswo die Ratten, und sie bekämpfen sie so.
Wenn sich die Vergiftungen nicht beweisen lassen, woher wissen die Tierschützer dann so genau darüber Bescheid?
In unseren Praxen haben wir momentan fast täglich mit Vergiftungen zu tun. Allerdings sind das in den wenigsten Fällen Streuner, sondern Privattiere. Die fressen die Giftköder genauso wie die Streuner. Wie normal die Vergiftungen in Griechenland sind, siehst du alleine schon an der Tatsache, daß Atropin in Form von Spritzen bei vielen Hundehaltern hier im Großraum Athen (und wenn ich mit Kollegen aus anderen Teilen Griechenlands spreche, ist das anderswo in Griechenland genauso) und auf den Dörfern zum Equipment eines Hundehalters gehören. Das ist ein nicht widerlegbares Indiz, daß überall die Gefahr von Gift droht.
Erst gestern hatte ich in meiner Praxis drei Vergiftungsfälle, zwei Privathunde und ein Streuner. Alle werden es wohl überleben. Allerdings hat es den Streuner sehr mitgenommen, aber er wird durchkommen. Vielleicht findest du ja ein gutes Zuhause für ihn!
Außerdem wird in Griechenland ganz offen über Vergiftungen gesprochen und damit gedroht. Als Tierschützer in Griechenland kennst du diesen Satz: "Entweder ihr kümmert euch um den Hund oder er wird vergiftet!"...
Von der griechischen Botschaft haben wir als Antwort auf die Protestschreiben unter anderem folgende Aussage erhalten: "(...) Von offizieller Seite wurde uns aus Griechenland jedoch mitgeteilt, daß es dort niemanden gibt, der im Auftrag der Stadt Athen oder des Staates Tiere vergiftet. Wenn derartige Fälle vorkommen, handelt es sich eindeutig um Privatpersonen, die bei ihrer Überführung zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. (...)" Hast du schon mal davon gehört, daß irgendwann einmal irgendjemand für Vergiftungen von Streunertieren bestraft wurde?
Ich sehe jede Woche vergiftete Hunde und Katzen, habe aber noch nie von einem Verfahren, geschweige denn einer Verurteilung gegen einen Streuner-Giftmörder gelesen oder gehört. Eine andere Antwort hätte ich allerdings von offizieller Stelle auch nicht erwartet. Du müßtest die Giftmischer theoretisch in flagranti dabei ertappen, wie sie das Gift einmischen, die Köder präparieren und dann auslegen. Alleine das ist schon fast unmöglich. Die Beweiskette ist einfach äußerst schwierig, also macht sich auch keiner die Mühe, das zu versuchen - mal vom Personalproblem der Polizei und dem Aufwand, der dafür notwendig wäre, ganz abgesehen. Das ist der Punkt: Vergiften ist wirksam, bewährt, und die Leute wissen, daß es äußerst schwierig ist, sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen.
Das klingt ja alles mehr als frustrierend. Es muß doch eine Möglichkeit geben, diese grausame, alltägliche Praxis zu verhindern?
Eine Idee haben wir: Geld. Wir müßten betuchte Tierfreunde und engagierte, sowie finanzstarke Institutionen finden, die für jeden überführten Streuner-Giftmörder einen hohen Geldbetrag aussetzen. Was meinst du, wie schnell das dann aufhören würde ...
Außerdem wird es Zeit, daß die vielen Touristen mal im Detail erfahren, wie hier in Griechenland mit dem Streunerproblem umgegangen wird ...
Danke für das Gespräch!